Popstrangers »Antipodes«

Wer hätte es gedacht: Popstrangers sind dem Pop mitnichten so fremd, wie es der geschickt gewählte Bandname wohl suggerieren möchte. Ein wenig erinnern die drei jungen Neuseeländer in ihrer listigen Namenspolitik an den von Adorno und Horkheimer zum spätkapitalistischen Prototypen stilisierten Homer-Helden Odysseus.
 
Im Mythos kann Odysseus den Kyklopen Polyphem übertölpeln, indem er sich den Namen „Niemand“ gibt; Adornos und Horkheimers Lektüre des Epos in der »Dialektik der Aufklärung« zufolge manövriert sich Odysseus mit dieser List in ein prekäres Spannungsfeld aus Selbstbehauptung und Selbstverleugnung. Ähnlich ambivalent wie Odysseus Selbstverhältnis scheint das Popstrangersche Sich-ins-Verhältnis-setzen zur Popwelt gestaltet zu sein. Nein, diese Herren befinden sich sicherlich nicht auf fremdem Terrain. Im Gegenteil, sie kennen den „Kyklopen Pop“ offenbar sehr gut, scheinen das Regelwerk und die Zyklendynamik der alternativen Popkulturindustrie sehr gut verstanden zu haben. Im Virtuellen wie im Realen dominiert die neue Indie-Abgeklärtheit: bedacht minimalistisch gehaltene Web-Präsenzen, vereinzelte Lobpreisungen von informierten Blogspot-Enthusiasten, sympathisch heruntergerockte Live-Auftritte im örtlichen Independent-Radio. So weit, so verbreitet. Doch dann: Die beflissenen Connaisseure von Pitchfork featuren das wohlproduzierte Weltuntergangsvideo zu »Heaven«, einem zeitgeistigen Psych-Pop-Smasher mit Suchtpotential. Groß ist daraufhin die Spannung auf das Debütalbum. War die ruppige Lo-Finesse der früheren Bandtage doch ein Stück weit kalkuliert, erwartet uns mit »Antipodes« nun am Ende ein samtweiches, neu-psychedelisches Sedativum das im Fahrwasser des ebenso grandiosen wie kantenlosen »Lonerism« von Tame Impala schwimmt?
 
Schon das Eröffnungsstück »Jane« erstickt derlei Befürchtungen in einer Wolke aus rosa Rauschen. Viel zerfahrener und ruheloser, aber auch in einem seltsamen Sinne tänzerischer als »Lonerism« ist der Popentwurf von Popstrangers. Dies verwundert nicht, wenn man dem vielerorten anzutreffenden Authentizitäts-Mythos Glauben schenken möchte, dem zufolge die Aura des Aufnahmeortes einer Platte ihre Soundidee im Wesentlichen bestimmt. Nach Angaben der Band wurde das Album in den Kellerräumen einer heruntergekommenen Tanzhalle aus dem Jahre 1930 aufgenommen. Schwingt man auf dieser Woge der Popmetaphysik mit und überträgt diese Bildlichkeit auf den Klangkosmos, könnte tatsächlich Stück für Stück nachvollziehbar gemacht werden, wie es Popstrangers gelingen kann, dermaßen vergnüglich zwischen tagträumerischem slow dance und feuchter Klaustrophobie zu taumeln und sich dabei noch eine solch bemerkenswerte respektive merkwürdige Eigenständigkeit zu erschaffen. Man wird auf »Antipodes« selbstredend hier und da an Aktuelles und Vergangenes erinnert, wie z.B. an den fröhlichbedrückten Neo-Grunge der Carpark-Labelkollegen Cloud Nothings, an die zwischen Shoegaze-Nebel und Pop-Punk-Aufhellung oszillierenden Landsmänner von Die! Die! Die!, aber auch an einige dieser abseitigen Kiwi-Indie-Gruppen aus den 80er Jahren, in deren Version von Garage-Rock immer genug Melancholie mitschwang, um in Schwarz-Weiß-Musikvideos nicht deplaziert zu wirken. Im Ganzen aber schreiten Popstrangers auf ihrem Album ausgesprochen eigenwillig und kompromisslos voran, erschaffen sich so eine zukunftsträchtige Version von Independent-Popmusik, die Reibungs- wie Identifizierungspotentiale hat, die zuckersüß und scharfkantig zugleich daherkommen kann.
 
Man mag das gutheißen oder nicht: Ein „zweiter Heaven“ findet sich auf »Antipodes« nicht. Was affirmative Eingängigkeit und Infiziösität der Melodieführung angeht, kommt allerdings »What Else Could They Do« in seiner fidelen Verschlepptheit dem Aufmerksamkeitspotential von »Heaven« nahe. Dass Popstrangers in den restlichen Stücken des Albums, die sich wie konzentrische Kreise aus Post-Punk-Oddities und verspulten Radiohead-Remineszenzen um die beiden Quasi-Hits drehen, alles daran setzen, ein allzu harmonisches Schweben auf poppsychedelischen Ruhekissen zu unterbinden, macht den hintergründigen Charme ihres Bandnamens aus. Ein Name, der paradigmatisch für ein ganzes musikalisches Projekt zu stehen scheint. Er reaktualisiert eine Dialektik, die dem Grunge schon immer innewohnt; sie entfaltete sich in seinen Proto-Versionen irgendwo zwischen The Vaselines und Flipper und gipfelte bei Nirvana in einem ewigen Hin- und Hergerissensein zwischen Noise und Pop.