Kurt Vile »Walking On A Pretty Daze«

Es gibt wenige Songwriter, die Americana-Kitsch so geschickt in zeitlosem Lo-Fi-Indie-Rock auflösen können wie Kurt Vile. Dass der aus Philadelphia stammende Freak-Folk-Veteran dabei leichtfüßig auf einem schmalen Grad wandert, zeigt er mit seinem neuen Album »Waking On A Pretty Daze«.
 
Wenn Kurt Vile minutenlange Südstaaten-Pentatonik-Soli über leidlich lagerfeuererprobte Akustikgitarren-Akkorde zieht, kann man ihm das einfach nicht übel nehmen. Viel zu gebrochen und zweiflerisch ist sein Entwurf von Indie-Heartland-Rock en gros. Sind die Brüche auch weniger oder weniger offenkundig geworden – so verlor Vile sich auf früheren Albem gerne allzu verträumt in verschrobenen Lo-Fi-Loops – entfaltet »Waking On a Pretty Daze« musikalisch doch in Reinform das, was schon die Aura des Musikers sagt, ohne dass seiner Gitarre auch nur ein Ton entfliehen muss oder seine Stimmbänder auch nur einen Laut produzieren müssen. Natürlich, es mag auf den ersten Blick wie ein romantischer Atavismus aus vorgrauer Zeit wirken, wenn man im Musikgeschäft des 21. Jahrhunderts noch von so etwas wie „Aura“ redet. Man mag es gerne auch „Image“ nennen, wenn man sich der Illusion hingeben möchte, damit etwas wesentlich anderes zu bezeichnen. Aber wer von Americana reden will, der darf über die Machtstrukturen hinter den Bildern des Genres nicht schweigen.
 
Was vereint eigenwillige Charaktere wie Bob Dylan, Bruce Springsteen und Neil Young? Der zu ihrer Zeit neuartige, unmuffige, affirmative und zugleich selbstkritische Bezug zur eigenen nationalen Identität? Ja, sicherlich. Geschenkt. Etwas anderes aber, wohl noch viel Augenscheinlicheres gibt ihnen überdies ein Gemeinsames. Es ist das vielbemühte, vielgescholtene und doch so häufig kolportierte und bewunderte Bild des leidenden einsamen Mannes. Hätten die obengenannten Charaktere in einem Bandgefüge aufgehend so funktioniert wie sie es auf Solopfaden taten? Wohl kaum. Gab es vergleichbare Frauenbilder in der amerikanischen Folk- und Country-Musik-Szene? Ja, vereinzelt. Wurden aber die leidenden, einsamen Frauen mit den traurigen Liedern auf die gleiche Weise angehimmelt und idolisiert wie ihre männlichen Pendants? Keineswegs. Selbst dort wo ihre Einsamkeit toleriert wurde, schwang in der männlichen Aufmerksamkeit für diesen Folk-Typus nicht selten ein modrig chauvinistischer Beigeschmack mit: „Diese Frau muss doch gerettet werden in ihre Einsamkeit, die braucht starke (männliche) Schultern zum anlehnen!“. So oder so ähnlich lauteten derartige subkutane Paternalismen, von denen sich die Menschheit bis heute nicht lossagen kann respektive will.
 
Auch Kurt Vile suchte bewusst die Einsamkeit. 2008 verließ er seine Band The War on Drugs, um eine Solokarriere zu bestreiten. Wirft man einen Blick auf sein photographisches Portfolio, beschäftigt man sich etwas eingehender mit seinen Liedtexten, kommt er auch hier in Umrissen zu Tage: der einsame leidende Mann. Und doch ist es eine erfrischend neue, entstaubte Americana-Bildlichkeit, die Vile in das Genre trägt. Er ist kein schnottriger Frauenheld wie Bob Dylan, kein breitbeiniger Polit-Rocker wie Bruce Springsteen. Kurt Viles künstlerische Konzeption lebt vielmehr von der Fragilität und den bis ins Destruktive gekehrten Selbstzweifel des Grunge. Was dies betrifft, lassen sich am ehesten Parallelen zu einem anderen der Grands Hommes des Folk-Rocks ziehen. Neil Young – nicht zufällig wurde er bisweilen als „Godfather of Grunge“ gehandelt – war wahrscheinlich derjenige, welcher nicht nur mit den musikalischen Dogmen, sondern auch mit den Image-Konventionen des Genres am mutigsten brach. Young gab nie den extrovertierten Outlaw, der sich wie ein Aufmerksamkeitskreisel um sich selbst dreht. Bei Young darf Einsamkeit auch wirklich einsam, das heißt bei sich bleiben und muss nicht in großspuriges Draufgängertum überführt und nach außen getragen werden. In dieser Beziehung ist Kurt Vile vielleicht als einer seiner jüngsten und gelehrigsten ideologischen Ziehsöhne anzusehen. Warum aber muss das alles gesagt werden? Geht es nicht am Ende in erster Linie um Musik, um Songs? Ja und nein. Denn Wandel und Fortschritt in popkulturellen Sphären lassen sich selten ausschließlich auf musikalischer Ebene aushandeln. Erst wer versteht, was Kurt Vile sozusagen als Typus repräsentiert, versteht auch seine Musik angemessen zu beurteilen. Dass es überaus lohnenswert ist, sich dieser sehr ausgiebig zuzuwenden, sei hier selbstredend nicht verschwiegen.
 
Drifteten manche Stücke auf früheren Alben noch bisweilen ins Nirvana des psychedelischen Dahinplätscherns ab, hat Kurt Vile sein songwriterisches Talent auf »Waking On A Pretty Daze« nämlich nun gebündelt und fokusiert zum Ausdruck gebracht, gerade so als sei er auf der Suche nach diesem mysteriösen „Goldtone“, von dem er in einem gleichnamigen Albumtrack singt. Das Erfreuliche dabei ist, dass trotz dieses neuen Strebens nach Effektivität und Bestimmtheit, das sich bei einigen Songs manifestiert, Vile sich im Großen und Ganzen den slackerhafte Weirdo-Appeal früher Tage erhalten hat. Großartige Stücke wie »Shame Chamber« oder das darauffolgende »Snowflakes are Dancing« sind betörend seltsame Fuzz-Folk-Trips, die in ihrer betäubungsmittelartigen Überzeugungskraft den etwas belanglosen Opener »Walking on a Pretty Day« oder das altbacken voranstampfende »KV Crimes« überflügeln.
 
Eine gewisse Benommenheit stellt sich auch ein, wenn man einen Blick auf die textliche Ebene des Albums wirft. Zwar bedient sich Vile, wie schon oben angekündigt, einigen unvermeintlichen Bilderwelten des Americanas. Er hängt sich jedoch nicht an ihnen auf, sondern nimmt sie vielmehr als Versatzstücke, als frei verschiebbare Teile in einer großen Image-Collage. Einmal stellt er affirmativ, dann wieder durch Distanznahme zu ihnen Beziehung her: getriebener Mann-Mann („Feeling bad in the best way a man can“, aus »Shame Chamber«), verdrogter Eskapist („Snowflakes are dancing/discman is pumping/heaphones are loud/chilling on a pillowy cloud/comfort of codeine“, aus »Snowflakes are Dancing«), gefühlvoller Selbstkritiker („Don‘t know why I ever go away/it‘s hard to explain/my love in these days“, aus »Waking on a Pretty Day«), etc.
 
Diese post-modernistische Folk-Identitäten-Puzzlespielerei hat Vile offensichtlich von Dylan gelernt, jedoch hat er diesem voraus, das man am Ende des Verwirrspiels nicht wie bei Dylan zu dem Schluss kommen muss, dass es diesen Typen gar nicht wirklich geben kann (vgl. hierzu Todd Haynes „I‘m Not There“). Kurt Vile gelingt es trotz aller Ambiguitäten und Offenheiten erstaunlich nahbar, erstaunlich real und personal zu bleiben, da zu sein.