Darkside »Psychic«

Wer für akustisch induzierte Klaustrophobie anfällig ist, sollte sich vor Nicolas Jaar und Dave Harrington in Acht nehmen: Mit ihrem Electronica-Projekt Darkside meinen die in Brooklyn ansässigen Klang-Künstler es bitterernst. Der Albumtitel »Psychic« hält was er verspricht: Hier erwartet den geneigten Hörer eine psychoanalytische Safari durch die abgelegenen Stimmungslandschaften des klanglich Unbewussten.
 
In einem archaisch mit Edelmetall ausstaffierten Fahrstuhl, der die Aufschrift »Golden Arrow« trägt, schießen wir pfeilschnell hinunter in den Stollen. Wir stoßen durch etliche Schichten Bewusstseinserde. Irgendein Metallteil an der Außenseite des Fahrstuhls scheint lose zu sein, es schlägt einen strengen, kalten Beat an die Stollenwand. Ein Rhythmus der Tiefenmeter, der sich im Raum ausdehnt wie die Zeit, die als endlos empfinden wird, obwohl es doch nur einen kurzen Augenblick lang dauert, bis die dunkel gekleidete Reisegruppe schließlich an ihrem Bestimmungsort angelangt ist. Natürlich ist es finster und nasskalt hier unten. Natürlich bringt diese Dunkelheit und Stille uns in eine Situation, in der wir schmerzlich mit uns selbst konfrontiert sind. Natürlich tut es uns weh, über den felsigen Boden zu laufen, barfuß und innenrum entblößt. Doch es gibt Hoffnung auf Hoffnung. Davon lebt Musik als Utopie. Ist dieses Prinzip Hoffnung auch noch so illusionär und doppelbödig, es wirkt beruhigend auf uns, dort unten in der Tropfsteinhöhle des dark minimals. Darkside streuen diese Hoffnungsfunken bewusst. Sparsam, bedacht, in kleinen Dosen, die kurzzeitig den Schmerz zu lindern wissen, aber letztendlich doch nur Zerrbilder von Heilung vermitteln.
Das Stück »Greec light« markiert ein solches Moment: Irgendwo, etliche Meter über uns, ein vernichtend kleines Luftloch lässt einen satten Strahl Tageslicht in das apokryphe Verließ. Es illuminiert einen kleinen Ausschnitt des Raumes, gerade so als vollziehe sich dort ein heiliger Akt. Doch es ist keine neuzeitliche, christlich-abendländische Heiligkeit. Das was sich hier ereignet, zeugt von einem tribalistisch-ritualistischen Geist. Im antiken Griechenland wirkte diese Art von ungeformt sinnlicher Heiligkeit noch in den Phantasmagorien des Polytheismus nach. Sie zeigt sich beispielsweise in der Figur des Poseidons. Dem Mythos nach bewohnt dieser einen goldenen Unterwasser-Palast; wenn er seine mächtige Gesalt über die Wasseroberfläche erhebt, flaut selbst der tosendste Jahrtausendstürm zu einer angenehm wohligen Sommerbrise ab. Eben jene Kraft scheint auch »Greec Light« zu besitzen, das eine Art Höhe- und Wendepunkt in der Album-Dramaturgie darstellt. Das nachfolgende Stück mit dem abermals mythologisch vorbelasteteten Liedtitel »Metatron« paddelt schließlich in temperamentsmäßig sanften Gewässern, öffnet das Album am Ende hin zu einer entspannten Mystik, die alles sein kann, aber nichts mehr will. Die Seelenstürme der beklemmenden Anfangs- und Mittelphase scheinen sich endgültig gelegt zu haben. Der enge Passagierraum des Höhlenaufzugs füllt sich wieder und schießt uns an die Erdoberfläche. Wir stehen auf einem Plateau und haben freie Sicht auf das vor uns liegende Meer.