The Notwist »Close To The Glass«

Zugfahrten wie diese binden mich in einen angenehmen Automatismus ein. Für sieben Stunden lang ein Selbstläufer. Als ein Teil des Bewegungsflusses gebe ich mich ganz der Gewissheit hin, dass die Schale mich bettet, trägt und liebevoll transportiert. Die mechanische Arbeit, die dabei rüde an mir wirkt, will ich nicht wahrnehmen. Vielleicht besser: sie verdampft in einem zumeist regelmäßigen und sonoren Pochen, in einer verheißungsvollen Monotonie, die hier und da von technischen Signalen unterbrochen wird. Sie wirken auf mich wie konstitutive Störungen in einem Großen und Ganzen. Wohliges Unbehagen. Stupide existenzielle Gedanken in einem viel zu unbequemen Sitz mit viel zu muffigem Muster. Ich denke nach über Hermetik und die Unmöglichkeiten geschlossener Zugabteile. Ich denke auch an dich und daran, dass wir keinen Raum für uns finden können. Im Allgemeinen bin ich auf dem Sprung, aber ich renne nicht. Mich treibt etwas voran, aber als beschleunigter Haufen Passagier bleibe ich sitzen. Dieser rasende Stillstand trägt mich von einem falschen Ort zum anderen. Fordernd lastet der Zug auf den Gleißen, entlockt ihnen eine kratzende Melodie, die nicht bleibt. Wieder passiere ich die wie militärisch aufgereihten Baumparaden, die behördlich geregelte Tristesse aus wunden Wohnblöcken und grauen Vierecken voller Leerstandsgeist, dazwischen das kühle Dunkelgrün im Schatten von Hügeln aus Müdigkeit und kaputten Klapptischen. Heilsam verwaiste Straßen schneiden sich in Landschaften ein, die einmal welche waren. Allein die Allee wirkt bedrohlich in der lauen Dämmerung. Es ist leise geworden, seitdem du dort ausgestiegen bist. Aus dem verzweifelten Versuch heraus, eine halbwegs kommode Schlafposition zu finden, presse ich mein Gesicht fest gegen die Scheibe. Ich fühle mich dem Glas jetzt sehr nahe. Es beginnt zu regnen, für einen Moment denke ich, dass die Nässe durch die Scheibe dringen könnte, das ganze Zugabteil erfüllt und uns alle wegspült. Es ist spät geworden. Die Nacht drückt langsam ihre Hand auf mein Gesicht, aber ich habe keine Angst. Es ist deine Hand.