Origami für Einsteiger

Die Freiheit, seine Persönlichkeit möglichst vollständig zu entfalten, wird zunehmend zur Pflicht, der es aktiv nachzukommen gilt. Als gerade auch in digitaler Form zu präsentierende steht die ‚Selbstverwirklichung’ im Verdacht, den Anderen in seiner Bedeutung für das Selbst auszublenden. Vielleicht auch, weil sich dieser nur schwer auseinanderfalten lässt. Die Alternative eines zerknüllenden, einwickelnden Umgangs berücksichtigt dies – legitimiert aber gerade keine passive Zurückhaltung.

Die meisten Popsongs drehen sich darum, wie man entweder die große Liebe oder aber das eigene Selbst findet. Am besten ist es natürlich, man findet gleich beides. Doch bisweilen scheint es fast so, als wären diese beiden Glücksfunde nur dazu entworfen, um einander auszuschließen:

Da lässt einer das Licht an, obwohl’s ihm zu hell ist, und verzichtet damit mutmaßlich auf kostbaren Schlaf, während die andere Fraktion gewissermaßen gerade dazu aufruft, den Lichtschalter an- und auszuknipsen, wie es einem selbst gerade beliebt : Am I wrong in thinking out of the box from where I stay? – das sind Nico und Vinz, und die zwei sind noch lange nicht fertig mit uns: Hope you, hope you don’t look back, always do what you decide. Don’t let them control your life, that’s just how I feel [ohouwhou].

Doch immer häufiger stößt man auf Preziosen des nicht nur deutschen Liedguts, die zunächst darauf verzichten, sich und die Welt zu finden, zu realisieren, zu optimieren und sich stattdessen darauf verlegen, sich all dies auf unbestimmte Zeit erst einmal vorzunehmen.

Life happens when you’re making plans, singt Marlon Roudette und schlägt damit genau in die Kerbe von Boris Groys, der der zeitgenössischen Gesellschaft einen nahezu pathologischen Multioptionalismus diagnostiziert, der sich symptomatisch in einem permanenten „Leben in Projekten“ niederschlage, in dem die Erfüllung etwaiger Projektziele nunmehr überflüssig erscheint. Charakteristisch, so Groys, sei es für die im Projekt Lebenden, dass sie bewusst eine isolierende Distanz des Elitären zu ihren Mitmenschen aufrechtzuerhalten suchten – denn wer im Projekt lebe, wisse mehr über zukünftig – potentiell – Eintretendes und fühle sich als Pionier.[1]

Vor einiger Zeit habe ich über Hornbach und das Projekt geschrieben, darüber, wie der praktisch veranlagte Hornbacher alles und jeden anpackt, um es zu „seinem Ding“ zu machen – die klassische Aneignung von Welt eben. Nun hat Hornbach eine neue Kampagne. In diesen Spots geht es weniger um die Bewältigung eines sich dem tapferen Hornbacher formlos-störrisch in den Weg fläzenden Materials denn um nichts weniger als den ganz persönlichen Ausdruck: „Sag es mit deinem Projekt!“. Dies scheint sich zunächst trefflich in den skizzierten Leitfaden zur projektiven Selbstfindung zu fügen. Doch auch diesmal geht es ums Überleben – nicht in der Wildnis, sondern für die Nachwelt.

Da streicht der Papa für die durch ihren Gothic-Style zum Außenseiter gewordene Tochter das Haus pechschwarz, um seiner väterlichen Liebe Ausdruck zu verleihen. „Und was bleibt von dir?“, fragt die nach dem Schema eines Familiendramas gedrehte Szene, in der, untermalt von rührseligen Streicherklängen, die vom soeben verstorbenen Vater konstruierte doppelläufige Holztreppe zum Anlass einer mémoire involontaire für den erwachsen gewordenen „Hornbach-Nachwuchs“ wird. Das Projekt wird zur Brücke zwischen Menschen und Generationen, über die Grenzen von Diesseits und Jenseits hinweg.

Könnte es also vielleicht sein, dass „die Einsamkeit des Projekts“ lediglich eine Sonderform des Lebens im Projekt darstellt, deren Gegenstück sich eine Art projektiven Denkens ausmacht, die – wie im Hornbach-Werbespots angedeutet – auch sicherstellen kann, dass die Beteiligten nicht voneinander isoliert sind?

In einer dem „Neuen Geist des Kapitalismus“ (Chiapello/Boltanski) gehorchenden Welt dienen Projekte vor allem dem Präsentieren eines so flexiblen wie ‚authentischen’ Selbst. Ob es tatsächlich die eigene Persönlichkeit ist, die man sich zu entfalten abmüht, ist nebensächlich, solange man nur dabei ist, irgendetwas auseinanderzufalten.

Doch wer beim Auseinanderfalten nach Intensität sucht, wird enttäuscht. Denn: Die Intensität, so zumindest Deleuze, schwindet in ihrer qualitativen und extensiven Explikation. Deshalb empfiehlt Deleuze auch, „sich nicht allzu sehr [zu] explizieren […], sich nicht allzu sehr mit dem Anderen zu explizieren, nicht allzu sehr den Anderen zu explizieren, seine impliziten Werte erhalten, unsere Welt zu vervielfachen, indem sie mit all dem Ausdrücken bevölkert wird, das nicht außerhalb seines jeweiligen Ausdrucks existiert“ – jede Beziehung zu einem Anderen basiert auf der „Offenbarung einer möglichen Welt“, die im Anderen „eingewickelt“ liegt – und, wie bereits erwähnt, auch möglichst nicht zu sehr ausgewickelt werden sollte, um ihre Intensität und ihr Wesen zu bewahren.[2]

Der Andere erscheint als ein Projekt, eine virtuelle Vielfalt noch zu realisierender oder eben auch unrealisiert bleibender Möglichkeiten, das Rumoren eines Vulkans, der nur unter einer ihn verdeckenden Oberfläche tatsächlich rumoren kann. Ein sich dem Sozialen nicht verschließendes Projekt wäre dann also, mit Deleuze gesprochen, eines, in dem man weniger aus- als einwickelt, als verpacke man am Tag vor Heiligabend liebevoll Geschenke füreinander. Wie aber könnte solch ein ‚einwickelndes’ Projekt konkret aussehen? In welchem Maße strebt es nach der tatsächlichen Verwirklichung seiner Ziele? Und welche Ziele steckt es sich überhaupt? Welche Art von Verbindung zwischen Menschen und Menschen kann im Projekt entstehen?

„Der Andere“, so Deleuze, „definiert sich […] a priori in jedem System durch seinen expressiven, d. h. impliziten und umhüllenden Wert“; das bzw. der Andere existiert als Ausgedrücktes nur in seiner Abhängigkeit von dem ihn Ausdrückenden – z. B. seiner Mimik und Gestik – und nur im Fehlen jeglicher Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Punkten der Relation.[3]

In der Kunst schlägt sich das Interesse an einer buchstäblichen Vielschichtigkeit ausdrückender Gesten bisweilen in einer aktualisierenden Umhüllung von Materialien mit Repräsentationen ihrer eigenen Konnotationen nieder. So wird in Timur Si-Qins Love & Resources (2013), einer installativen Anordnung von Kohlesäcken auf mit Brandlöchern übersäten Yogamatten, die gemäß der in Werbespots für die verwendete Kohle verbreiteten herzwärmenden Lagerfeuer-Atmosphäre designte Verpackung parasitär ‚mit Liebe erstickt’, d. h. mit glitzernden Herzchenstickern beklebt. Die als äußerste Konventionalisierung einer Zuneigungsbekundung auftretenden, an die inflationäre Einbindung von Herzsymbolen in Facebook-Postings erinnernden Sticker fungieren als intensitätsvermindernde Zeichen ihrer Selbst, so dass man sie fast als Illustration der von Deleuze beschriebenen Tilgung der Intensität in ihrer zunehmenden Explikation sehen kann.

Dennoch entsteht in dieser Überlagerung etwas – auf seine eigene Art und Weise intensives – Neues, gerade dadurch, dass der Künstler seinen Materialien erst die Gelegenheit dazu gibt, sich im ‚manipulierten’ Ausgedrücktwerden selbst immer wieder auch einer Beeinflussung zu entziehen und für jede ausgewickelte gleichsam zwei neue Falten zu schlagen.

Vielleicht geht es tatsächlich darum, Dinge, Erwartungen, Einschätzungen auf etwas oder jemanden zu applizieren (ich schreibe hier bewusst nicht ‚projizieren’) – im Bewusstsein, dass man dabei umhüllt statt auszuwickeln und dadurch Reaktionen provoziert, mit denen man sowohl im künstlerischen als auch zwischenmenschlichen Bereich klarkommen muss, inklusive der dadurch, dass der andere ebenso mit mir verfährt, mir Unerwartetes zumutet, ebenso in mir selbst entstehenden Differenzen.

Vielleicht könnte dies eine mögliche Definition von Freundschaft als und im Projekt abgeben: Wenn ich meinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen will, muss ich ihm etwas abverlangen. Oder auch: auferlegen.

Der Projektgesellschaft, wie sie Groys entwirft, scheint jedoch noch ein anderes Modell zu entsprechen: So beschreibt Mercedes Bunz die Veränderungen des Freundschaftsbegriffs im Zeitalter sozialer Netzwerke. Freundschaften werden im Netz nicht mehr geschlossen, sondern hinzugefügt und akzeptiert, das Halten des Kontaktes erfordert lediglich den Minimalaufwand, von Zeit zu Zeit einen geteilten, mehr oder weniger austauschbaren, ‚Inhalt’ mit „Gefällt mir“ zu markieren – und deshalb sind Freundschaften im Internet zwar größtenteils gewählt, doch könnte man fast mehr noch von einem Akkumulieren sprechen, denn wenn ich sozusagen ‚weniger Zeit pro Freund’ benötige, spricht ja grundsätzlich nichts dagegen, ein paar Freunde mehr gelistet zu haben.[4]

Wer ein Projekt macht, das von anderen rezipiert und konsumiert werden soll, erstellt eine Veranstaltung. Und lädt seine Freunde ein. Die wiederum andere Freunde einladen. Mit denen man sich dann auch befreundet. Um sie beim nächsten Mal gleich selbst einladen zu können.

Ein bisschen kompliziert klingt das ja schon, zugleich auch reduziert, denn nicht alle Facebookbeziehungen funktionieren natürlich nach diesem Muster. Ich versuche hier lediglich, die von Boris Groys, zugegebenermaßen etwas schwarzgemalte, Vision einer im Projekt des Projektemachens gefangenen Gesellschaft auf die Internetplattform zu übertragen.

Im Extremfall erschöpft sich eine solche Freundschaft darin, dem anderen Informationen über das eigene Leben anzubieten statt ihm Dinge, die mich oder und ihn selbst betreffen, wie oben beschrieben, aufzuerlegen. Alles kann, nichts muss, aber sollen soll es dann irgendwie doch. Rein optional natürlich. Teilnehmen sollte man an allem, wozu man eingeladen wird, denn das Teilnehmen ersetzt das Kommen durch ein „teilhabendes“ Bekunden von – unverbindlichem! – Interesse.

Vielleicht ist es gerade die Schwierigkeit, zu unterscheiden, wo man Projekte plant, um befreundet sein zu können, nur um irgendwann vielleicht einmal ein Projekt miteinander machen zu können, und wo dagegen auch ein Projekt gemacht wird, um eine Freundschaft zu initiieren oder zu festigen, was gewissermaßen auch eine Art von Produktorientierung, die nach John Dewey ebenso wie die Prozesshaftigkeit als charakteristisch für das Projekt anzusehen ist, bedeutet.

Die von Hornbach enthusiastisch vorgestellten Projekte zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie a) immer fertig gestellt werden, sich b) im heimisch-familiären Umfeld stellen und die in diesem Feld bereits bestehenden Beziehungen unterstützen sowie c) in der oben erläuterten neueren Kampagne weniger Zusammenschlüsse mehrerer Hornbacher erfordern, um ein Material zu bewältigen, als ein – um einiges anschmiegsameres, kooperativeres – Material zu benutzen, um soziale Bindungen zu stärken.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Hornbach mit dieser Kampagne eine Marktlücke trifft, die sich durch die zunehmende Digitalisierung des Zwischenmenschlichen – die hier weder verteufelt noch bejubelt werden soll – ergibt.

Und doch: Die Hornbachmentalität bleibt ambivalent. Der zwischen Heimwerker und Künstlergenie schwankende Hornbacher steht noch immer als weitgehend von seinen ‚Rezipienten’ und seinem Material unabhängiges, souverän handelndes Einzelsubjekt im Mittelpunkt der besagten Werbespots – er hat sich bereits selbst gefunden, und nun fährt er fort, sich selbst zu verwirklichen, nicht jedoch, ohne dabei seinen Mitmenschen dazu zu verhelfen, ihrem Selbst ebenfalls näherzukommen.

Das ist nicht selbstlos.

Ebenso wenig aber blind für das, was um einen herum mit anderen Menschen und anderen Dingen geschieht. Und vermutlich ist eine gewisse Portion Ichbezogenheit auch weder vermeidbar noch schädlich, vielleicht gar unabdingbar, wenn man sich von dort aus auf Anderes zu beziehen sucht. Wenn man sich selbst ein Stück weit auswickelt, um einen in Bezugnahme auf einen Anderen diesen im gleichen Zuge bewusst weiter einzuwickeln, so hat dies etwas Fürsorgliches und Herausforderndes zugleich.

Wie aber ist dieser (sicher nicht neue) Gedanke einer notwendigen Kopplung von in entgegengesetzte Richtungen, damit aber auch potentiell aufeinander zu gerichteten Suchprozessen in Hinsicht auf das Projekt der Freundschaft im Internet weiterzudenken?

Soll ich munter fortfahren bzw. anfangen, meinen Freunden ‚selbstfindungsdienliche’ Links und Kommentare, die zumindest irgendwie mit meiner eigenen momentanen Befindlichkeit zusammenhängen, ‚ins Profil zu pinnen’? Vielleicht.

Ich glaube, dass ein Problem, dass sich für die Übertragung des hier entwickelten Freundschaftsbegriffs in die Welt des Digitalen ergibt, die enorme Bedeutung ist, die dem – ab einer gewissen Freundesanzahl aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen schlicht unabdinglichen – Nichtreagieren auf derlei ‚Pseudo-Interaktionen’ zukommt.

Die bloß stillschweigende Zurkenntnisnahme von Posts und Nachrichten sorgt für eine andere Art der Uneinschätzbarkeit des Anderen als die enigmatischste, knappste und stummste Antwort, die mir ein reales Gegenüber zu geben in der Lage ist, zwangsläufig immer geben muss.

Facebook ist superpraktisch und manchmal sogar unterhaltsam. Auch eine Freundschaft kann diese Qualitäten besitzen. Ob man sie mit diesen gleichsetzen möchte oder nicht, ob man eine Facebookfreundschaft evtl. einfach als Spielart oder Spielmodus betrachtet, z. B. nach Art des die Möglichkeiten im Umgang mit der PC-Spielesoftware aufstockenden Love and Tolerance Resource Pack für Minecraft – das man je nach Belieben ebenso im „Überlebensmodus“, „Kreativmodus“ oder „Abenteuermodus“ spielen kann – bleibt letztlich jedem selbst überlassen.

[1] Vgl. Boris Groys: Topologie der Kunst. München/ Wien 2003, S. 167-170.

[2] Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. Übers. v. Joseph Vogl. München 2007, S. 326 f.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Mercedes Bunz: Die Verschwörung der Freunde. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2 (2012), S. 67-75.

Veröffentlicht am 23.11.2014
Autorin: Ellen Wagner