Yo La Tengo »Extra Painful«

„Let‘s be undecided, let‘s take our time“. Mit diesen programmatischen Worten eröffnen Yo La Tengo den Song »Big Day Coming«, zu finden auf dem 1993er Album »Painful«, das jetzt unter dem Titel »Extra Painful« wiederveröffentlicht wurde. Kein Zufall, dass die Reissue-Wahl gerade auf das sechste Studio-Album der Band fiel, zeigt sich hier doch die musikalische Idee Yo La Tengos in einer besonders klaren Verfasstheit.
 
Im Warten auf etwas nehme ich eine Haltung ein. Im Warten auf etwas fühle ich mich wohl oder habe Angst. Zwischen diesen beiden Polen liegt die Neutralität des Wartens. Warten, das aus einer Handlungshemmung heraus resultiert, nennt man landläufig Unentschlossenheit. Man könnte der Indie-Rockband Yo La Tengo aus Hoboken prima facie genau dies unterstellen, wenn sie mit Textzeilen wie der oben zitierten aufwartet. „Let‘s be undecided, let‘s take our time“ – ein unentschlossenes Warten, ein notorisches Hin- und Hergerissensein? Vielleicht. Schließlich mäandern Yo La Tengo beständig zwischen Noise und Pop, zwischen hartrockendem Feedback-Fest und sanft wispernder Lounge-Musik, zwischen strandsandalenleichtem Beach-Ambiente und krachigen Noise-Jams. Diese Dipolarität ist nicht zufällig, nicht auf defizitäre Konzeption zurückzuführen. Sie ist Programmatik und von Anfang an im kollektiven Großhirn der Band angelegt; das wird anhand des bis dato unveröffentlichten Demo-Materials, das »Extra Painful« zu Tage fördert, noch einmal deutlich.
 
Schon hier finden sich munter rockende, von warmem Fuzz umwobene Stücke neben heruntergefahrenen Songs, die in ihrer tempomäßigen Zurückhaltung und in ihrer minimalistischen Instrumentierung an die sich erst später entfaltende Slowcore-Bewegung erinnern. Was dieser jedoch zu weiten Teilen abging: Yo La Tengos natürliche Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die gleichzeitig den chilligen Surf-Pop der 2010er Jahre vorwegnimmt, ohne sich in dessen genretypischen Selbstverliebtheit und Belanglosigkeit zu verlieren. Die vermeintliche Harmlosigkeit des Yo La Tengoschen Soundentwurfes hat nämlich eine angenehm raue Kehrseite. Die akustischen Entspannungsinseln, die paradiesischen, sind nicht zum Verweilen gemacht: Schon ein Song weiter holt uns die Band mit einem laut brausenden, knatternden Motorboot ab, um uns dann an den tösenden Ufern der großen Stadt auszusetzen. Und doch bleibt da eine Hoffnung. Es bleibt dieses proto-utopische „Eines Tages wird alles anders sein“, mit dem Popmusik wie kaum eine andere Kunst zu spielen in der Lage ist. Wenn der große Tag gekommen ist, dann wirst du mir gehören, dann werden wir wissen, was Sache ist. Dieser Topos tritt in den Liedern der Band immer wieder auf und nimmt besonders auf »Extra Painful« leitmotivische Gestalt an.
 
Man könnte nun auf die Idee kommen und dieses leitmotivische Warten, das sich immer wieder auf textlicher Ebene, aber auch im Zusammenspiel von Text und Musik artikuliert, philosophisch-theologisch ausdeuten. Man wäre dann vermutlich versucht, von so etwas wie einer Metaphysik des Wartens zu sprechen, von der Figur eines hoffnungsdurchtränkten Messianismus, einer Apologie des Kommenden, wie sie von Philosophen wie Gershom Scholem, Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno immer wieder thematisiert, durchdacht und hinterfragt wurde. Yo La Tengo würden einer solchen Lesart sehr wahrscheinlich widersprechen.
 
Zum einen, weil dieser Interpretationsversuch eine unangebrachte Engführung dessen bedeutete, was die ästhetische Relevanz der Band ausmacht, nämlich eine bewusst gewählte semantische Offenheit, ein anti-definitorisches, anti-ideologisches Moment. Nicht zufällig hat Ira Kaplan in einem Interview mit dem 3am Magazin auf die Frage hin, wie man Wörterbuchschreibern den Yo la Tengoschen Soundkosmos klarmachen könnte, Folgendes geantwortet: „That’s their job, isn’t it? Finding definitions. We’re happy just playing the music.“ Man mag diese entwaffnende Bescheidenheit als ein Indie-Rock-typisches Stilmittel interpretieren; schließlich spielt die Band immer wieder mit dem Regular-guy-Image, beispielsweise wenn sie im Musikvideo zu »Sugarcube« das aufoktroyierte Erlernen eines rockszenemäßigen Macho-Gehabes mit der bandtypischen sympathischen Bodenständigkeit konterkariert und persifliert. Wie bei kaum einer anderen Band zeigen bei Yo La Tengo jedoch die Lebensgeschichten, die persönlichen Biographien der Musiker, dass es hier jemand verdammt noch einmal ernst meint, das mit der Niceness. Aber aufgepasst: Das hier ist nicht Normcore, nicht das verzweifelte Suchen nach einer verloren geglaubten Normalität, nicht das modische Heilsuchen in einer plakativ legeren Unaufgeregtheit. Hier wird nicht einer Attitüde hinterher gehechelt, hier wird vorgelebt. Mit der eigenen künstlerischen Produktivität, über Jahrzehnte hinweg, unbeirrt, ohne Schielen auf Mainstream-Verlockungen und monitäre Komfortzonen. Bei allem Bewusstsein für die Problematik dieses Begriffes – Yo La Tengo waren und sind diesbezüglich einfach eine authentische Band.
 
Der zweite Widerspruch, mit dem man sich gegen eine solche philosophisch-theologische Lesart der Figur des Wartens bei Yo La Tengo wenden könnte, gründet in einem inhaltlichen Punkt: Die kategoriale Andersartigkeit der Yo La Tengoschen Erwartungshaltung verwehrt sich gegen eine metaphysische Interpretation im messianistischen Stile. Bei Yo La Tengo hat die Erlösung schon stattgefunden. Jedoch nicht in einer christlich-dialektischen Weise einer auf das Transzendentale hin ausgerichteten Sinnsynthese, sondern im unmittelbaren, gegenwärtigen, dissidenten Dasein im Pop. Die Gegensätzlichkeit, das Unvollendete, das Defizitäre wird hier nicht aufgehoben, nicht sublimiert. Es wird gelebt und gefeiert. Im Pop darf es bestehen, dieses ehrlich gemeinte, nicht auf Understatement hinauslaufende „Ich habe eigentlich keine Ahnung“.
In einem zweiten Wortsinn ist dann allerdings sehr wohl von Ahnung zu sprechen. Nämlich dann, wenn wir der Popmusik mehr als nur Amüsement zugestehen und versuchen, in ihr eine Art vor-reflexives Erkenntnispotential, eine Ahnung als wissendes Gespür, als ein unbewusstes Erinnern zu sehen. Man mag das im Sinne der oben zitierten Worte Ira Kaplans als Über-Interpretation bezeichnen, aber im Rahmen dessen, was uns die Band zum Verstehen aufgegeben hat, können wir doch zumindest konstatieren, dass dieses »Nowhere Near« („bei weitem nicht“, „noch lange nicht“), das auf »Painful« respektive »Extra Painful« liedtitelgebend wird, eben keine Aufforderung zum Warten auf ein Noch-nicht-Dagewesenes, sondern zum Wieder(er)finden des bereits Erlebten, Geliebten, Verlorengegangenen ist. Obschon ich für diese Lesart gerne noch eindringlicher geworben hätte, mache ich an dieser Stelle den Cut, höre auf den theoriekritischen Kaplan aus dem 3am Magazin und erteile den lyrischen Zeilen, um die es geht, das letzte Wort:
 
„When I see you look at me, I’m not sure of anything. All I know is when you smile, I believe in everything […] Everyone is here but you’re nowhere near.“