Kunst und Sprache in Zeiten der Krise. Eine kleine Theorie-Utopie

In Zeiten der realen Krise ist es mitunter zu beobachten, dass das Leid direkt proportional zur Mitleidlosigkeit in der Sprache ansteigt. Kunst kann sich dieses Leidens sorgend annehmen, bedarf jedoch wiederum der Interpretation, der Kritik, des Diskurses, der Theorie, letztlich also der Sprache, um es zu kommunizieren. Was aber, wenn die Sprache – populär wie intellektuell – auf mehreren Ebenen vergiftet ist? Wenn weder Kunst-, noch Kultur- oder Gesellschaftstheorie in der Lage ist, dieses Leiden zu vernehmen? Oder schlimmer: sich der Annahme bewusst entzieht? In Zeiten wie dieser bedarf es einer gänzlich neuen Form der Theorie. Eine Form, die sich gegenwärtig nur in Umrissen, als Theorie-Utopie zeigen kann.

Es beginnt mit der Philosophie des Leidens. Schopenhauer kannte sie, Nietzsche lebte sie und Adorno machte mit ihr Schule. Was denn der Inhalt dieses Leidens sei, mag eine erste berechtigte Frage lauten, die doch folgerichtig unbeantwortet bleiben muss. Sie muss unbeantwortet bleiben, denn das Leiden schweigt. Damit ist nun nicht das Leiden als unmittelbarer physischer, psychischer Ausdruck gemeint; diese Art von Leiden ist laut, unsemantisch, schreiend, grell, unüberhörbar und offenkundig. Das schweigende Leiden ist ein kategorisch anderes. Es ist ein Leiden an der Wahrheit, oder vielmehr: ein Leiden am wissenden Bewusstsein der Wahrheit. Schließlich auch: Ein Leiden der Kunst. Adorno hat aus der Erfahrung des Holocausts heraus versucht, dieses Leiden zu (er-)fassen, wohlwissend, dass ein solches Unterfangen paradoxal bleiben muss und zum Scheitern verurteilt ist. Die Philosophie jedoch ist in der Pflicht, sich dieser Paradoxie zu stellen und dabei eine Rolle einzunehmen, die an den Sisyphos Camus‘scher Prägung erinnert: Sie hat die unmenschliche Aufgabe, das Schicksal einer absurden Tätigkeit anzunehmen und gleichzeitig von Grund auf zu verachten. Sie muss gegen die schiere Sinnlosigkeit und Unangebrachtheit ihres Vorhabens rebellieren; sie muss versuchen, das Leiden zur Sprache zu bringen. Das ist sie dem stummen Leiden, dem Leiden am Bewusstsein der Wahrheit, dem Leiden, der Kunst schuldig. „Leiden auf den Begriff gebracht, bleibt stumm und konsequenzlos […].[1] […] Deshalb bedarf Kunst der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen kann, während es doch nur von Kunst gesagt werden kann, indem sie es nicht sagt.“ [2], so zwei zentrale Einsichten Adornos, hier synoptisch zusammengeführt. Einige haben in dieser Rollenzuweisung eine Stilisierung, Überhöhung der Philosophie gesehen. Ungeachtet der diskussionswürdigen Frage, ob die Philosophie das einzige oder geeignetste Sprachrohr der Kunst sei, enthält die paradoxale Denkfigur Adornos jedoch eine zentrale, unhintergehbare Erkenntnis: Die Kunst bedarf der Sprache. Sie bedarf des Darüberredens. Sie selbst ist zwar stets „über“ etwas, fungiert als eine Art Bedeutungsträger, um an einen Gedanken Arthur Dantos anzuknüpfen; jedoch veräußert sie diese Bedeutung nicht, versprachlicht sich nicht im eigentlichen Sinne. Es gibt keinen kommunikativen Austausch über den Bedeutungskern eines Kunstwerkes, wenn die Sprache diesen nicht initiiert. Wie aber muss eine Sprache gestaltet sein, die das stumme Schweigen, das Leiden der Kunst respektive ihr unglückliches Bewusstsein vernehmen und darstellen kann? Das ist das große Schweigen der Philosophie Adornos. Es bleibt zu vermuten: Sie formiert sich als ein Schreiben oder ein Sprechen, das hinhören kann. Als eine auditive, musikalische Sprache, die das Leiden vernehmen kann. Sie kann es sehen, denn sie denkt mit dem Ohr. Sie kann es hören, denn sie denkt mit den Augen. Sie kann es riechen, denn sie denkt mit dem Herzen. Sie ist Theorie und Praxis. Sie ist das kinästhetische Gesamtkunstwerk, das zunächst Wagner, später Kandinsky theoretisierte und erprobte. Bewahrheitet sich damit die Vermutung vieler Adorno-Kritiker, dass die Ästhetische Theorie in letzter Konsequenz ein Ästhetischwerden, ein Kunstwerden der Theorie bedeutet? Es ist zu befüchten.

Oder vielmehr zu hoffen, denn vielleicht brauchen wir genau jetzt eine solche Theorie. Eine Theorie, die empathisch wird, die sich selbst veräußert, die die Zeilen sprengt, die den Begriff als Fenster versteht, die im Begriff den Begriff verlässt. Eine solche Theorie wird nur als Utopie zu denken sein, weil wir gegenwärtig keinen Begriff von ihr haben und auch nie einen befriedigenden Begriff von ihr bekommen werden können. Es ist eine utopische Theorie des Leidens, des Mitleidens. Mitleid kennt sie nicht in einem schlechten Sinne als gönnerhafte Zuwendung, sondern als echte, wahrhaftige Anteilnahme am Leid anderer, ohne Kalkül, ohne Strategie, ohne Rückversicherung. In ihrem Zentrum befindet sich die Praxis eines kontemplativen Im-Leid-seins, das sie die Struktur einer ästhetischen Erfahrung annehmen lässt. Das Leiden ist also nicht nur in der Kunst; Kunst ist Leiden und als Mitleidende werden wir selbst zu Künstlern. Eine Theorie, die diese Einsicht vollzieht, spricht anders, denkt anders. Sie fühlt mit. Ja überhaupt: Sie fühlt, sie lebt. Es ist nicht die Theorie eines Safranskis, nicht die Theorie eines Sloterdijks und gewiss nicht die Theorie eines Sarrazins. Es sind nicht die Theorien, die ohne Rücksicht auf das Leben und Leiden – und damit auch: auf das Sterben von Menschen – denken. Derartige Theorien haben nicht das Potential, Krisen zu bewältigen, sie potenzieren sie lediglich. Sie stützen sich auf leere Begriffe und falsche Prinzipien. Die Theorie der Zukunft dagegen ist lebendig; sie kennt, schätzt und bewahrt das Leben. Es ist ein Theorieverständnis, das seine Wurzeln in der Erfahrung einer der außerordentlichsten Krisen hat, die die Menschheit in ihrer modernen Verfasstheit erschüttert hat. Theorie nach Auschwitz, so Adorno weitergedacht, muss nicht, darf nicht verstummen; aber es ist ihre heilige Pflicht, sich für Mitleid und Mitgefühl zu öffnen. Das ist zugleich ihre ganze Kunst: Zu denken wie ein Mensch. Eine Theorie dagegen, die sich dieser Verpflichtung entzieht, ist barbarisch. Sie spricht den virtuellen Schießbefehl aus.

Literatur:

1 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: 1973, S.35.
2 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: 1973, S.113.