Im Gespräch mit DJ Dingo Susi alias Benjamin Wild

Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein DJ her: Benjamin Wild hat die Figur des einsamen Plattenlegers in sein Herz geschlossen – ohne selbst einer zu sein, denn hinter dem Pseudonym DJ DIngo Susi verbirgt sich eigentlich eine ganze Band – die am Ende doch wieder nur Benjamin Wild selbst ist. Das Interview gibt Einblick in das Zentrum seiner wundersamen Lo-Fi-Pop-Galaxie.


 
A: Was steckt hinter dem Künstlernamen DJ Dingo Susi – ein Insider? Ein Shibboleth? Oder einfach nur Jux und Tollerei?

B: Eher Letzteres. Der Namen hat eigentlich keine konkrete, tatsächliche Bedeutung. Es ist auch kein Insider. Ich wollte mir einfach nur einen coolen Namen ausdenken. Die Idee kam mir auf einer Zugfahrt, zu der Zeit, als ich mit dem Projekt begonnen hatte. DJ Dingo Susi – da steckt auch etwas Quatschiges drin; das wollte ich haben, weil ich es etwas langweilig finde, wenn man sich als Band so einen superdeepen, bedeutungsschwangeren Namen gibt. „DJ“ finde ich cool, das ist irgendwie so ein bisschen trashig, Susi ist etwas Süßes und der Dingo ist ein tolles Tier. Solche Assoziationen eben.

A: Benni, was mich als Musiker an deinem bisherigen Schaffen besonders fasziniert, ist der rote Faden, der sich durch alle deine Veröffentlichungen zieht. So etwas finde ich persönlich schwer zu erreichen, da du als musikaffiner Mensch ja für gewöhnlich mit unheimlich viel musikalischem Input konfrontiert wirst (und ich kenne deine imposante CD-Sammlung). Dieses Herausbilden der DJ Dingo Susi-Ästhetik – ist das etwas, das du bewusst wahrnimmst, vielleicht sogar verfolgst, oder geschieht das eher als etwas Unbewusstes?

B: Es war nie so, dass ich mir jetzt bewusst gesagt hätte, „Ok, ich will jetzt in diesem Song diesen speziellen Sound machen.“ oder dass es so und so klingen muss, damit es stringent ist. Ich glaube, wenn ich Musik mache, ist es immer eine Mischung aus der Musik, die ich gerne höre, was ja schon ein unterschiedlicher Kram aus verschiedenen Zeiten ist, also einfach meinem Geschmack, und dem, was ich gerne hören will, also was ich denke, was noch fehlen würde, welchen Sound ich ungefähr gerne hätte. Aber ich denke, der Hauptpunkt bei diesem roten Faden ist einfach der Fakt, dass man viel Musik machen muss. Also man zwingt sich ja nicht dazu, aber wenn man einen Impuls hat, einen Song nach dem anderen zu machen, sodass alles ungefähr in einer chronologischen Abfolge passiert, dann geht das, was man phasenweise gerne hören würde an Sound fließend ineinander über. Und man will sich ja nicht wiederholen und immer etwas leicht anderes machen. In diesem Sinne sehe ich das gesamte Schaffen als so ein Feld an, das man sich irgendwie absteckt; manche Songs bewegen sich in ähnlichen Ecken oder geben noch eine Komponente aus einer anderen Ecke dazu und je mehr Songs man macht, desto definierter wird das gesamte Gebiet und weitet sich immer weiter aus. So bekommt man als musikschaffender Mensch eine Identität.

A: Was dann aber wahrscheinlich eher weniger eine Strategie ist, als vielmehr das, was sich aus der Tätigkeit selbst als unbewusste Folge ergibt. Um dieses Themenfeld des Unbewussten noch ein wenig weiter auszureizen: Ich finde ja, deine Musik hat oft auch etwas Introspektives. Der Blick nach Innen, der gleichzeitig oft auch ein Blick zurück ist – sowohl persönlich als auch als musikgeschichtlich verstanden (wo ich gerade das Buch »Retromania« von Simon Reynolds in deinem Regal stehen sehe). Ist das eine Perspektive auf deine Musik, mit der du etwas anfangen kannst?

B: Einerseits denke ich, dass ein großer Punkt unserer Generation – wenn ich das mal so nennen darf – die Tatsache ist, dass es das Internet gibt und damit die totale Verfügbarkeit über eine Menge von Musik, die keine Generation vorher hatte; und ich glaube, dann ist es zu einem gewissen Maß logisch, dass man sich aus einem größeren Pool an Einflüssen bedient. Es spielt keine wirkliche Rolle mehr, was Aktuelles und was Vergangenes ist. Ich meine, ich könnte auch hart versuchen, an einer neuen Musik dranzubleiben, aber wenn ich gleichzeitig Lust habe, einen Pfad weiter in die Vergangenheit zu verfolgen, dann mache ich das einfach. Es hält mich ja nichts davon ab. Das könnte man nun abfällig Nostalgie nennen, aber das sehe ich anders. Erstens finde an Nostalgie nichts per se Schlimmes; und zweitens, nur dass ein Mittel schon einmal irgendwann benutzt wurde, heißt ja nicht, dass es ausgereizt ist oder dass es schon in allen Kombinationen benutzt wurde oder in den Bereichen angewandt wurde, in denen man vielleicht noch etwas ausreizen möchte.

A: In diesem Zusammenhang wird ja auch oft von Neukombinationen oder neuen Settings gesprochen.

B: Genau. In der Musikwelt gibt es natürlich auch Menschen, die darauf warten, dass das nächste große neue Ding kommt und das Rad neu erfunden wird. Was ja auch schön und gut ist. Und wichtig. Es ist auch cool, wenn das passiert. Aber forcieren kann man es nicht. Und die Bereiche, in die man weitergehen kann, sind ja nicht unbedingt nur vor einem, sondern sind ja auch in der Vergangenheit und rechts und links von einem.

A: Das stimmt. Das könnte ja wiederum auch ein Aspekt dieser neuen digitalen Archivwelten sein. In gewissem Sinne sind auch die Wege virtuell geworden.

B: Absolut. Und was dieses Introspektive angeht, dass du angesprochen hattest: Das kann natürlich sein, dass das von so einer leicht melancholischen Stimmung kommt, die da oftmals mitschwingt. Und wahrscheinlich auch irgendwie durch die Texte. Wenn ich Texte schreibe, dann ist es im Moment des Schreibens eigentlich selten so, dass ich für mich weiß, worum es darin geht, sondern ich schreibe einfach etwas, dass sich für mich richtig anhört und zur Musik passt. Ich merke dann erst im Nachhinein, was es für mich zu dieser bestimmten Zeit persönlich bedeutet hat. Daher kommt vielleicht so dieser unbewusste Faktor oder dieses leicht vage, offene Gefühl.

A: Das hat ja schon fast etwas Psychoanalytisches. Oder „Autopsychoanalytisches“, wenn man so will. Was das angeht, würde mich noch etwas anderes interessieren. Ich weiß, das ist immer eine schwierige und vielleicht auch etwas leidige Frage an Kunstschaffende, ich stelle sie trotzdem: Welche Rolle spielst du, Benni bzw. DJ Dingo Susi (falls hier überhaupt ein Identitätsverhältnis vorliegt, das wäre vielleicht die erste Teilfrage), wenn du textest? Ich finde ja, deine Lyrics haben oft etwas Erzählerisches. Ergeben sich Überschneidungen zwischen den Ichs, die in deinen Songs auftreten und einem Benni-Ich bzw. einem DJ Dingo Susi-Ich? Oder gibt es da – etwas pathetisch gesagt – eine Trennlinie zwischen „Künstler und Werk“?

B: Das kann beides der Fall sein. Es sind halt meistens einfach nur Sichtweisen, die ich damit transportiere. Es kann z.B. genauso gut sein, dass ein Ich, von dem ich einem Song spreche, überhaupt nichts konkret mit mir zu tun hat, sondern dass ich einfach versuche, etwas aus der Ich-Perspektive zu sehen. Andersherum kann es auch sein, dass jemand, also wenn ich einen komischen Charakter erfinde oder ein Ich in einer komischen Situation erfinde, wo man jetzt erst einmal nicht denken würde, dass das etwas mit mir zu tun hat, dass dann gerade das aber tatsächlich mit mir zusammenhängt. Beides ist möglich. Ich habe nie irgendwelche konkreten biographischen Texte geschrieben, es kommt immer aus dieser leicht assoziativen, intuitiven Stimmung heraus – man möchte sich irgendeinem Punkt annähern, der vielleicht das Gefühl, das man gerade hat, auf irgendeine Weise definiert. Man schafft sich so seine Kanäle, wie man das, was man gerade fühlt, so nach außen bringt.

A: Daher auch die Möglichkeit der Ich-Überlagerungen. Nebenbei bemerkt, ich glaube ja, nur so können wir überhaupt einigermaßen gelingend so etwas Hyperkomplexes wie ein „Ich“ beschreiben oder erfassen – im Plural „Ich-Überlagerungen“ als Kreuzpunkte von realen, fiktiven und narrativen Ichs. Und das gilt nicht nur im musikalischen Bereich, wie ich finde.

B: Genau. „Ich“ ist einerseits das, wo man gerade drin steckt, die Situation, in der man ist; andererseits aber auch das, wie man bestimmte Sachen sieht, die Perspektive, die man selber hat, also auch die Art, wie man die Situationen anderer Menschen wahrnimmt. Das, was man verkürzend „Ich“ nennt, hat ja immer viele Facetten.

A: Auf jeden Fall. Apropos „facettenreich“ – kommen wir mal zu deinem neuen Album »Farevalley«. Mich würde zunächst der Produktions- oder Schaffensprozess interessieren, der hinter dem Release steckt. Wie auf deiner Seite zu lesen ist, hat die Arbeit an dem Album sich ja über einen längeren Zeitraum gezogen, du hast bereits 2014 an Songs für »Farevalley« gearbeitet – erzähl mal, wie hat sich das entwickelt?

B: »Farevalley« ist in der Zeit entstanden, in der ich hier bei uns in der Wohnung von dem einen ins andere Zimmer gezogen bin. Ich hatte dann irgendwann, nachdem ich im alten Zimmer die Arbeit am alten Album beendet und mich im neuen Raum wieder eingerichtet hatte, mit der Arbeit an neuer Musik angefangen. Was die Produktion angeht, hatte ich diesmal eine etwas andere Herangehensweise – z.B. was so technische Details wie die Kompression betrifft. Ich wollte es weniger aufgepumpt, druckvoll forciert, sondern eher offener und etwas leichter vom Gesamtgefühl her halten. Das war das, worauf ich zu der Zeit Lust hatte. Es sollte sich eher so etwas wie eine organische Mischung ergeben, in der bestimmte Sachen immer mal wieder auftauchen und andere Kombinationen ergeben. Das war der produktionstechnische Hintergrund. Ansonsten hat es relativ lange gedauert, weil ich mir am Ende ganz viel Zeit gelassen hatte. Die Songs waren einfach so über die Monate entstanden und am Ende habe ich mir für die Feinabstimmung viel Zeit genommen, immer mal wieder Mixdowns gemacht. Bis ich ganz zufrieden war. Ich mache mir eh nie Druck, etwas fertigzubekommen. Ich überarbeite mich nie.

A: Das ist eine gesunde Einstellung! In dem Sinne hattest du ja wahrscheinlich auch nicht unbedingt äußeren Druck gehabt, wie das z.B. vielleicht bei einer Label-Bindung der Fall gewesen wäre. Du hattest für deine vorherigen Releases mit verschiedenen Labels wie Dracula Horse und Fall Break Records zusammengearbeitet und bist jetzt für »Farevalley« auf dem kleinen aber feinen niederländischen Indie-Label Geertruida gelandet. Wie kam es zu dieser Verbindung?

B: Ich mache das immer so, dass ich die Musik zunächst fertigmache, sei es eine EP wie früher, oder aktuell jetzt Alben, und dann anfange, das an Labels zuschicken und gucke, ob das irgendwer veröffentlichen möchte. So bin ich auf dieses holländische Label gestoßen, die cool klangen; auch weil dort Musik erschienen ist, die ich früher selber gerne gehört hatte wie z.B. Shocking Pinks, die ich in den Teenager-Jahren mochte. Von daher hatte mich das schon mal angesprochen.

A: Welche Rolle spielt für dich dabei der mediale Aspekt der musikalischen Veröffentlichung – warum gerade die Kassette als Tonträger?

B: In dem Fall einfach weil das Label in erster Linie ein Kassetten-Label ist; die haben auch so einen kleinen Kassetten-Club, d.h. man kann sich da anmelden und bekommt dann monatlich von denen die Veröffentlichungen zugeschickt. Ich persönlich bin ja eher CD-Hörer, das ist eigentlich so mein Medium. Ich würde mich auch nicht dagegen sträuben, einmal etwas auf anderen Formaten als auf Kassette – so wie bei den letzten beiden Alben – zu veröffentlichen. Aber grundsätzlich freue ich mich immer, wenn es physisch manifestiert ist und die Kassette ist ein schönes Medium. Gerade wir verbinden damit ja auch irgendwie noch so ein Kindheits-Ding. Das Medium ist uns noch als tatsächliches Medium mit Alltagsbezug in Erinnerung und nicht nur als ein museales Nostalgie-Ding.

A: Ja, also auch als etwas ganz Greifbares, Haptisches.

B: Genau.

A: Benni, ich hätte auch eine Frage zur Ästhetik von »Farevally«. Das Album inkorporiert ja – wie auch deine anderen Releases – einen ganz bestimmten Minimalismus, der sicherlich zu einem großen Teil aus der Rhythmik resultiert, die stark vom Einsatz der Drum Machine bzw. des elektronisch produzierten Schlagzeugs geprägt ist. Gleichzeitig entwirfst du aber harmonisch recht komplexe Melodie-Gebäude, teilweise mit mehrstimmigem Gesang. Ich denke da z.B. an den letzten Track, »Getting up«. Wie Ich weiß, bist du großer Brian Wilson-Verehrer. Was fasziniert dich an der Musik der Beach Boys, was an Wilson als Typus? Hatte dieses Faible eventuell einen Einfluss auf diese Vibes, die da am Ende von »Farevalley« anklingen?

B: Ja, ganz offensichtlich ist gerade »Getting Up« irgendwie Beach Boys-inspiriert. Allerdings noch mal mit einem eigenen Twist versehen, weil es ja schon auch DJ Dingo Susi ist. Aber da sträube ich mich auch nicht dagegen, diesen Einfluss anzuerkennen. Die Beach Boys höre ich schon länger und sie bedeuten mir schon länger relativ viel, auch wenn das vielleicht so konkret an der Oberfläche meiner älteren Stücke noch nicht zu hören war. Über Brian Wilson und die Beach Boys könnte ich weit ausholen, aber ein zentraler Bestandteil ist, dass dieser Typ für mich einen ganz direkten emotionalen Draht zur Musik hat. Dieses Gefühl, dass er erahnt, was jetzt die nächste Wendung sein sollte und wie etwas klingen muss – das ist ein Gefühl, das ich so bei nicht vielen Musikern spüre. Da ist eine Wärme, die durchkommt, auch durch oftmals relativ simple Texte, die sich nicht davor scheuen, so eine gewisse Naivität und Eindeutigkeit an den Tag zu legen, die dann aber gleichzeitig relativ vielschichtig sein kann und durch wahnsinnig clevere, intelligente Strukturen und Melodie-Wendungen gebrochen wird.

A: Ja, so eine hintergründige Komplexität. Das höre ich bei deiner Musik auch heraus, dass das so ein ästhetisches Prinzip ist, das dir liegt. Ich meine das jetzt gar nicht in diesem „Wow, das klingt total nach Beach Boys“-Sinne. Eher so diese grundsätzliche Herangehensweise an das Musizieren und diese Art und Weise, wie du dich als musizierender Mensch zu verstehen versuchst. Vor diesem Hintergrund finde ich es sehr einleuchtend, was du über Wilson sagst. Diese warmherzige, verständige Art, Musik zu machen. Und auch der Aspekt der Biographie, die bei Wilson ja ihrerseits immer wieder von Brüchen und Wendungen durchzogen ist.

B: Die heilende Kraft von Musik spielt da auf jeden Fall eine besondere Rolle. Und generell auch die Idee, dass man versucht, sich einzufühlen: Was ist jetzt gerade die richtige Entscheidung für die Musik? Was ist jetzt das, was sich richtig anfühlt und nicht das, was ich konventioneller Weise machen sollte?

A: Es mag ein etwas naiver Ansatz sein, aber ich denke auch, das in der Musik Gefühle eine zentrale Rolle spielen. Gefühle und Stimmungen, die wir teilen – z.B. hattest du ja vorhin erwähnt, dass sich bei »Farevalley« für dich so eine gewisse Leichtigkeit ergeben hat. Das passt ganz gut mit dem Gefühl zusammen, das ich beim Hören des Albums hatte: Ich habe »Farevalley« als ein sehr leichtes, stimmungsvolles Album wahrgenommen. Es gibt eine gewisse „Mood“, die aber sehr schwer einzufangen oder einzuordnen ist. Sie scheint mit diesen Orten zusammenzuhängen, die bei dir immer wieder leitmotivisch auftreten. Bei deinem Release von 2013, »Nice Fortress«, z.B. war es eine von Hall erfüllte Burg, diesmal ist es ein Tal, das wiederum sehr wandelbar erscheint – mal kontinental, mal mediterran, mal üppig bewachsen und pflanzenreich, mal leer und steinig; auf jeden Fall scheint das Meer nicht weit weg zu sein, denn ständig weht so eine leichte, angenehm kühlende Brise herüber. Vielleicht ganz allgemein gefragt: Welche Bedeutungen haben Orte und Stimmungen für dich, als musikschaffender Mensch?

B: Ich baue oft diese kleinen Szenarien ein. Sei es, dass diese von Charakteren oder Situationen ausgehen oder das Orte irgendeine Rolle spielen. An Orte zu gehen, von Orten wegzugehen, diese grundsätzliche Bedeutung des Eskapismus spielt da offensichtlich eine gewisse Rolle bei mir; dass man irgendwie einen Drang hat, etwas verlassen zu müssen, das Weite zu suchen. Diese Weite ist das, was ich mit der „Nach-obenhin-Offenheit“ von »Farevalley« meinte – das einfach so eine gewisse Dimension eröffnet wird, in die man sich hineinvertiefen kann und links und rechts von einem gibt es irgendwelche Wege; man geht vielleicht etwas tiefer hinein, kommt dann aber auch wieder irgendwo heraus – sei es am gleichen Ort oder sei es irgendwo anders. In diesem Sinne ist »Farevalley« ja auch ein kleines Wortspiel: Einmal das Abschiedswort „Farewell“, das das Adjektiv „far“ in sich trägt, zum anderen aber auch das Tal. Ich singe ja in dem Song »Farevalley« genau darüber, dass man irgendwo abbiegt und hinfährt …

A: … oder hinläuft! Wie nur wenige wissen, bist du ja ein passionierter Spaziergänger.

B: Ja, das stimmt.

A: Du flanierst doch regelmäßig stundenlang durch Berlin. Wobei „flanieren“ da wahrscheinlich nicht das richtige Wort ist, denn du läufst ja dann doch relativ zügig und mit bestimmtem Schritt. Aber ohne Ziel, lässt dich von Ort zu Ort treiben.

B: Ja, also ich laufe ziemlich schnell und lange, drei bis fünf Stunden meistens. Einfach irgendwo hin. Ich mache dabei dann oft Fotos. Auch da gibt es diese assoziative Herangehensweise: Was sieht gerade schön aus? Wo will ich gerade hingehen? Was fühlt sich richtig an? Diese Spaziergänge sind meistens an Tagen, an denen ich nicht unbedingt neue Musik mache, sondern vielleicht so einen anderen Kanal ausleben will.

A: Also eher einen visuellen als einen auditiven?

B: Ja. Aber letztendlich ist es, glaube ich, ein ähnliches Prinzip, das ich auch in der Musik verfolge. Zu versuchen, sich einzufühlen: Wo soll es hingehen? Dann gehe ich dorthin und schaue, was passiert.

A: Wenn wir über Orte sprechen und das vielleicht mal auf Berlin und Hamburg, was man ja als die zentralen Wirkungsstätten von DJ Dingo Susi verstehen kann (in Hamburg lebt zum Beispiel Mario, der für Live-Auftritte den Bass-Part übernimmt), konkretisieren, dann ist das Thema „Szene“ naheliegend. „Szene“ ist aber, wie ich finde, oft ein fauler, ungenauer Begriff. Ich frage deshalb anders: Gibt es bestimmte Lokalitäten, Clubs oder Menschen in diesen Städten, die zur Weiterentwicklung, zur Ausgestaltung deines Musikprojektes beigetragen haben?

B: Also Hamburg spielt in erster Linie eine Rolle, weil da ganz viele sehr enge Freunde von mir wohnen und das für mich immer damit verbunden ist. Berlin ist vor allem elementar wichtig, weil das einfach der Ort ist, an dem ich mich am wohlsten überhaupt fühle. Ich hatte mich damals vor sieben Jahren entschlossen hier hinzugehen, weil sich das richtig angefühlt hatte. Das hat sich mittlerweile auch total bewahrheitet.

A: Darf ich da kurz einhaken: War der Weg nach Berlin für dich wie einer dieser Pfade, die du auf deinen Spaziergängen findest? So zwischen sich treibenlassen und gezielt einen Weg einschlagen?

B: Irgendwie schon. Ich hatte jetzt kein konkretes Anliegen, was ich hier verwirklichen wollte. Ich wusste einfach nur durch diverse Besuche und auch durch diese Vorstellung, die ich von Berlin hatte, was hier alles passiert ist, so musikalisch und filmisch, dass das ein relativ magischer Ort ist. Es hat sich von Anfang an bewahrheitet, dass hier eine Luft ist, in der ich anders atmen kann und mich einfach besser fühle als überall anders. Dann habe ich relativ lange elfenbeinturmmäßig an meinem DJ Dingo Susi-Universum gearbeitet und habe das erst einmal so eher im Freundeskreis und über das Internet, später auch über Dracula Horse, ausgelebt. Das mit dem konkreten Berlin-Bezug kam dann ja eigentlich erst so vor knapp 1,5 Jahren, also ich war relativ lange nicht wirklich konkret im musikalischen Geschehen hier eingebunden. Ich habe einfach an diesem Ort gewohnt und die Stadt geliebt. Und dann kam ja über dich glücklicherweise der Einstieg in das, was ich jetzt auch mal so grob als „Szene“ bezeichnen würde. Ich selber sehe meinen Ursprung natürlich nicht in diesem Ding, das man „Szene“ nennen könnte, einfach weil ich es schon so lange vorher alleine und unabhängig davon gemacht habe. Aber ist total schön dann doch auch ein Teil davon zu sein, mit den ganzen Bands, Labels und Kollektiven, mit Späti Palace, fête d’adieu, der Flennen-Ecke und all den Menschen, die ich über diese Verbindungen kennengelernt habe. Was da entstanden ist, ist großartig. Es war auch sehr angenehm, dass das mit den Konzerten so ein Selbstläufer wurde; das hatte ich vorher nie wirklich hinbekommen. Es gab ja nur ein Konzert vorher …

A: Das war in Hamburg, richtig?

B: Genau. Deswegen ist Berlin natürlich extrem prägend für das, was DJ Dingo Susi jetzt ist. Einfach dadurch, dass das ein Ort ist, an dem ich mich entfaltet habe und weiterhin entfalte. Und auch was so die persönlichen Beziehungen und Sachen wie Konzerte angeht, ist es jetzt in den letzten 1,5 Jahren auch aus der Perspektive noch einmal wichtiger geworden.

A: Wenn wir da anknüpfen und vielleicht so einen kleinen Ausblick wagen – was glaubst du: Wie wird sich Berlin und die Berliner Indie-Musik-Landschaft (sofern es denn so etwas überhaupt gibt), wie wird sich DJ Dingo Susi in in den kommenden Jahren verändern? Wir konnten ja in der jüngeren Vergangenheit erleben, dass einzelne Bands aus dem weiteren Indie-Umfeld hier einen nahezu kometenhaften Aufstieg hingelegt haben und plötzlich ein großes Medieninteresse auf sich ziehen konnten, während viele andere, sicherlich nicht minder gute Bands, ungehört blieben und im öffentlichen Diskurs quasi gar nicht stattfanden.

B: Ich glaube, das ist vor allem eine zeitliche Sache. Gerade das Umfeld in dem wir uns z.B. bewegen, da merkt man ja auch, dass es bei allen immer so ein bisschen vorangeht und größer wird – immer mal wieder eine kleinere Tour, dann vielleicht auch mal eine etwas größere Tour. Wenn man einfach dranbleibt und nicht aufhört, Musik zu machen, geht es eben weiter. Und deswegen bin ich da auch relativ überzeugt davon, dass von denen Bands, die weitermachen, diejenigen, die gut sind, irgendwann auch zwangsläufig ein größeres Publikum bekommen werden.

A: Das frage ich mich eben, gibt es diese Zwangsläufigkeit tatsächlich? Gibt es da bestimmte Entwicklungsautomatismen? Mich interessiert ja dieser Prozess, den man manchmal beobachten kann, wenn eine Band diesen Schritt macht und von einer Musikgruppe mit einer kleinen, regionalen, vielleicht Szene-gebundenen „Fanbase“, zu einer Band avanciert, die sich in einem internationalen Medienresonanzraum bewegt und dementsprechend auch finanziellen Erfolg über Plattenverkäufe und Ähnliches generieren kann. Ich weiß, die Wörter „finanziell“ und „Erfolg“ sind an sich schon problematisch in Künstlerkreisen, aber das Thema „finanzieller Erfolg“ ist für viele Musikerinnen und Musikern so etwas wie ein Tabu-Topos. Ich finde allerdings, dass wir, in unserem eigenen, vitalen Interesse als Kulturschaffende, das viel häufiger thematisieren sollten. Machst du dir manchmal auch über solche Phänomene Gedanken? Anders gefragt: Wie definierst du überhaupt Erfolg für dich als Musiker?

B: Was die Musikindustrie oder die Musikpresse angeht, kommt es mir so vor, als ob alle gerade am Herumsuchen sind: Wie geht es jetzt eigentlich weiter? Deswegen kann man es wirklich schwer sagen, was „groß“ werden wird. Aber gerade wenn ich jetzt so etwas wie The Chop sehe, wo einfach immer wieder weiter Konzerte passieren und Bands in unterschiedlichen Kombinationen immer wieder neu entstehen – es wird ja alles immer vernetzter und enger, kombiniert sich und kristallisiert sich heraus – dann habe ich Hoffnung, das es sich in eine gute Richtung hin entwickelt. Wie gesagt, man kann letztendlich nichts forcieren. Natürlich kann man immer mehr Konzerte spielen und versuchen, immer präsenter zu werden. Ich habe jetzt aber nicht einen konkreten Business-Plan oder so etwas.

A: Genau das wären Aspekte der Frage, die ich spannend fände: Welchen Zugang wählst du als Musiker zu diesem Thema? Welche Aspekte spielen da für dich überwiegend eine Rolle: ausschließlich intrinsische Motivation? Oder eben vielleicht doch auch externe, materielle Faktoren?

B: Erfolg ist in erster Linie für mich, wenn ich einen Song oder ein Album gemacht habe, mit dem ich zufrieden bin. Musik ist für mich immer kompletter Selbstzweck; ich würde sie exakt genauso machen und mich exakt genauso darüber freuen, wenn sie kein Mensch hören würde. Und wenn ich nie wieder ein Konzert spielen würde und es nie wieder eine Veröffentlichung von mir gäbe, würde ich genauso weiter Musik machen. Das heißt, ich mache das primär immer für die Musik und für mich selbst. Aber wenn ein paar Leute das mögen, wenn sogar Leute Lust haben, das zu veröffentlichen und zu Konzerten zu kommen, dann ist das ein extrem schöner Bonus, für den ich natürlich auch sehr dankbar bin. Aber das ist nichts, wovon ich mein generelles musikalisches Schaffen abhängig machen würde. Das kann ich nicht. Ich muss das einfach genauso machen, wie es sich für mich richtig anfühlt und mich genauso verhalten, wie es sich für mich richtig anfühlt. Wenn ich jetzt erzwingen würde, unbedingt irgendeinen Marketingplan an den Tag zu legen und Konzerte am laufenden Band zu spielen, dann würde ich damit nicht zwingend glücklicher werden. Erfolg ist eine relative Sache. Ich bin für mich komplett erfolgreich und bin zu 100% zufrieden mit dem, wie ich es mache.

A: Also vielleicht eher das Verfolgen eines inneren Plans.

B: Genau. Es gibt einfach für mich die Notwendigkeit, die Musik zu machen, die ich machen will und wenn ich das erfüllt habe, dann ist das mein Erfolg. Was dann im zweiten Schritt damit passiert, ist dann eine andere Frage. Bisher ist es ja auch immer einen kleinen Schritt vorangegangen über die Jahre und ich gehe auch einfach mal davon aus, das das so weitergeht, weil ich weiter Musik machen werde.

A: Ich bitte darum! Lieben Dank für das Gespräch, Benni.