Alexander Roth

Die Unmöglichkeit des Ichs im Angesicht des Selfie-Sticks

Nennt uns die Digi-Letalen. Wir suchen nach Auswegen, Gängen, die aus uns selbst herausführen wie Transmitter ins Nichts. Wir wollen nicht bei uns sein, wir wollen außer uns sein, uns aus uns herauskehren. Als extreme Exzentriker versuchen wir, der sozialen Norm zu entkommen und bestätigen sie doch, wo wir nur können. Wir sind Wunscherfüllungs-Machinen im Ego-Modus, Schizo-Kapitalisten im Datenwind einer Traffic-Autobahn, die keine realen Risse zulässt.

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Kala Brisella »Endlich Krank«

Wenn der Weg in das Innere zum Desaster wird, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren, die letzten Reserven Rationalität zu mobilisieren und mutig das Unvermeidliche zu konstatieren. Dass Krankheit ein Weg sein kann, das ist sicherlich keine sonderlich neue Erkenntnis. Blumfeld besangen sie, zahlreiche Hochglanz-Health-Ratgeber stimmen unisono mit ein. In den tiefsten Tiefen der Krise wartet in einem dunklen Grund immer noch ein Ich, das es aufzubauen gilt, das in Trost zu betten ist. Was passiert aber, wenn auch dieser Weg verbaut ist? Verstellt wird durch eine Unmöglichkeit, sich selbst zu finden, zwischen all den Ich-Surrogaten, schillernden YouTube-Kanälen und pseudo-euphorischen Facebook-Posts?

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Im Gespräch mit DJ Dingo Susi alias Benjamin Wild

Unter dem gleichermaßen obskuren wie possierlich anmutenden Künstlernamen DJ Dingo Susi veröffentlicht der Exilberliner Benjamin Wild bereits seit 2011 seine musikalischen Produktionen. In Alben und EPs, die über das freie Musikportal Bandcamp sowie in physischer Form über Online-affine internationale Kleinlabels Verbreitung finden, buchstabiert Wilds Lo-fi-Indie-Pop das aus, wofür Berlin in den 80er und 90er Jahren gestanden hat und sich noch heute gerne rühmt: Ein Gefühl für spontane Kreativtät und ein offenherziges Bekenntnis zum prekären Minimalismus, zum Schaffen alleine des Schaffens wegen.

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Steve Reich »Four Organs and Phase Patterns«

Musik kann die Leere der Zeit mit Wohlklang erfüllen, das ist ein hinlänglich bekannter Topos der Musikästhetik. Dabei konsumieren wir als musikhörende Subjekte auch zum Teil weniger wohlige, dissonante Klänge mit einem gewissen Genuss. Alles scheint in Ordnung zu sein, solange wir im Fluss der Musik sind, solange wir also nicht spüren müssen, wie die Zeit vergeht. Eine ganz andere Strategie verfolgen da die auf dem Loop-Prinzip basierenden Kompositionen von Steve Reich.

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Kunst und Sprache in Zeiten der Krise. Eine kleine Theorie-Utopie

In Zeiten der realen Krise ist es mitunter zu beobachten, dass das Leid direkt proportional zur Mitleidlosigkeit in der Sprache ansteigt. Kunst kann sich dieses Leidens sorgend annehmen, bedarf jedoch wiederum der Interpretation, der Kritik, dem Diskurs, der Theorie, letztlich also der Sprache, um es zu kommunizieren. Was aber, wenn die Sprache – populär wie intellektuell – auf mehreren Ebenen vergiftet ist? Wenn weder Kunst-, noch Kultur- oder Gesellschaftstheorie in der Lage ist, dieses Leiden zu vernehmen? Oder schlimmer: sich der Annahme bewusst entzieht? In Zeiten wie dieser bedarf es einer gänzlich neuen Form der Theorie. Eine Form, die sich gegenwärtig nur in Umrissen, als Theorie-Utopie zeigen kann.

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Dissidenz und Discofox

Als Jens Friebe 2005 das Album «In Hypnose» veröffentlichte, hatte das eine fanalähnliche Wirkung: Da trat ein junger, auf Promofotos zumeist dandyhaft wirkender Mann in Erscheinung, ohne Scheu vor Haargel, Lipglos, Glitzerhemd und Blümchenregenschirmen, der Refrains wie „wir zwei auf einem Bungee-Seil, wär‘ das nicht geil“ mit einem beinahe schon großraumdiskotauglichen Schlager-Beat unterlegen und schon einen Track weiter mit „Theke mit den Toten“ eine Gitarren-Indie-Pop-Hymne par excellence mit fleischkonsumkritischen Liedtext positioniert konnte.

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Yo La Tengo »Extra Painful«

„Let‘s be undecided, let‘s take our time“. Mit diesen programmatischen Worten eröffnen Yo La Tengo den Song »Big Day Coming«, zu finden auf dem 1993er Album »Painful«, das jetzt unter dem Titel »Extra Painful« wiederveröffentlicht wurde. Kein Zufall, dass die Reissue-Wahl gerade auf das sechste Studio-Album der Band fiel, zeigt sich hier doch die musikalische Idee Yo La Tengos in einer besonders klaren Verfasstheit.

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Slowcore. Für eine Chronopolitologie des Populären

Wenn Lana Del Ray offenherzig über sommerliche Traurigkeit in Hollywood sinniert und dabei aufgesetzte Wohlstandsmelancholie mit Sadcore verwechselt, wenn Silbermond die „schnelle Zeit“ beklagen und Entschleunigung zum omnipotenten Heilsversprechen für post-urbane Burnouts wird, dann stimmt irgendetwas nicht. Eine Gesellschaft im Slowcore-Modus. Hat ein popmusikalisches Genre so etwas verdient? Wohl kaum. Wie aber kann man der Langsamkeit ihr kritisches Potential zurückgeben?

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The Notwist »Close To The Glass«

Zugfahrten wie diese binden mich in einen angenehmen Automatismus ein. Für sieben Stunden lang ein Selbstläufer. Als ein Teil des Bewegungsflusses gebe ich mich ganz der Gewissheit hin, dass die Schale mich bettet, trägt und liebevoll transportiert. Die mechanische Arbeit, die dabei rüde an mir wirkt, will ich nicht wahrnehmen. Vielleicht besser: sie verdampft in einem zumeist regelmäßigen und sonoren Pochen, in einer verheißungsvollen Monotonie, die hier und da von technischen Signalen unterbrochen wird. Sie wirken auf mich wie konstitutive Störungen in einem Großen und Ganzen. Wohliges Unbehagen. Stupide existenzielle Gedanken in einem viel zu unbequemen Sitz mit viel zu muffigem Muster. Ich denke nach über Hermetik und die Unmöglichkeiten geschlossener Zugabteile.

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Darkside »Psychic«

Wer für akustisch induzierte Klaustrophobie anfällig ist, sollte sich vor Nicolas Jaar und Dave Harrington in Acht nehmen: Mit ihrem Electronica-Projekt Darkside meinen die in Brooklyn ansässigen Klang-Künstler es bitterernst. Der Albumtitel »Psychic« hält was er verspricht: Hier erwartet den geneigten Hörer eine psychoanalytische Safari durch die abgelegenen Stimmungslandschaften des klanglich Unbewussten.

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Loftus »Loftus«

In der mittelhochdeutschen Heldenepik galt es gemeinhin für den Protagonisten als eine große Gefahr, der Verführung eines Ortes jenseits der Zeit zu erliegen. Ein Ort, der zunächst als Idyll erscheint. Man nannte dieses Phänomen „Verligen“. Wenn es so etwas wie einen Soundtrack des Verligens gibt, dann hätten Loftus Anrecht darauf, seine Slacker-Version geschrieben zu haben.

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Nach dem Post-punk

In unseren frühen Studientagen kamen wir unter ungeklärten Umständen mit den obskuren Seiten der Rockmusik in Berührung. Die Bands, die wir mochten, kursierten unter klapprigen Begrifflichkeiten wie Kraut-rock, Space-rock, Shoegaze oder Ambient music, und ja, auch Post-punk. Eine seltsame Genre-Konstruktion: Nach-punk.

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Popstrangers »Antipodes«

Wer hätte es gedacht: Popstrangers sind dem Pop mitnichten so fremd, wie es der geschickt gewählte Bandname wohl suggerieren möchte. Ein wenig erinnern die drei jungen Neuseeländer in ihrer listigen Namenspolitik an den von Adorno und Horkheimer zum spätkapitalistischen Prototypen stilisierten Homer-Helden Odysseus.

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